![]() Cosmopolitin Die
Jakobslegende - Ein augenzwinkernder Querschnitt
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das Jahr 44
ließ Herodes Agrippa den Apostel Jakobus den Älteren
enthaupten. Daraufhin geleiteten Engel und Jünger den Leichnam in
einem Boot durch Mittelmeer und die Straße von Gibraltar in
den Hafen von Iria, heute Pedrón in Galicien, was vom
vulgärlateinischen Pedrón für Stein kommt.Ein junger Adliger ritt auf seinem Pferd am Hafen, als er ein Boot kommen sah. Dieses Boot trug - wie er sofort erkannte - die Gebeine des Heiligen Jakob. Freudig sprengte er ins Wasser, dem Kahn entgegen, was ihn beinahe das Leben gekostet hätte. Wo die Engel und Jünger geblieben waren, ist unklar. Der Heilige jedenfalls half Ross und Reiter ans Ufer, und die waren über und über mit Muscheln bedeckt, die heute Jakobsmuscheln heißen und nicht zuletzt von einer wenig frommen Ölfirma als Logo missbraucht werden. Der Kahn stieß - bonk - an einen Felsen, der heute als Altar in der Kirche von Pedrón dient. An einem 25. Juli - Jakobstag und Fiesta in Santiago - wurden die Gebeine aus dem von Piraten bedrohten Ort in Sicherheit gebracht; sie wurden unter mysteriösen Umständen nach Compostela überführt und dort am 30. Dezember bestattet. Wenn auch die Gebeine dort nicht besonders viel Ruhe finden sollten Jakob muss sich wohlgefühlt haben, denn er war vorher schon mal dagewesen. Jakob hatte nämlich angeblich einen Versuch unternommen, die wilde Urbevölkerung zu missionieren, war aber wieder nach Judäa zurückgekehrt, weil er nur neun Leute bekehren konnte. m
ersten Drittel des 9.
Jahrhunderts wurden Jakobs Gebeine in einer
römischen Nekropole an der Stelle des späteren Compostela
entdeckt,
und das war höchste Zeit. Denn kurz darauf kam ein als
unüberwindbar
geltendes Moslemheer, um das arabisch-berberische Reich um Galicien zu
erweitern. Doch bei der Schlacht von Clavijo (844 oder 895) setzte sich
der ehemals friedliche Apostel in voller Rüstung an die Spitze der
christlichen Truppen und schlug als Maurentöter die Invasoren in die Flucht. Klarer Fall, Sankt Jakob, dessen Name als Schlachtruf bald zu Santiago verschliffen wurde, war der Retter. Er ließ sich allerdings Zeit - bis 1492, als mit Granada die letzte islamische Bastion fiel. m
12. Jahrhundert wurde
die Kathedrale erbaut, und die Pilger aus ganz Europa sorgten
bereits seit dem 11. Jahrhundert für einen vorkapitalistischen
Faktor, den man heute Tourismus nennt. Das ließ später
wieder nach, Martin Luther war auch daran schuld, und zu Zeiten des
30-jährigen Kriegs mit Massenmord und Pestilenz wurde die
Kundschaft rar.Schlimmer allerdings wirkte sich die Bedrohung durch einen Edelpiraten aus. Man wollte 1589 die Reliquien vor einem gewissen Sir Francis Drake in Sicherheit bringen, das aber ging schief, denn die Gebeine gingen dabei verloren. Es brauchte hundert Jahre, bis sich wieder die ersten Pilger einfanden, Knochen oder nicht. och
Lago war immer noch
gut für ein Wunder. 1879 wurde in der Kathedrale umgebaut und
gegraben, wobei man unter dem Altar die wohl weitest gereisten Knochen
der Weltgeschichte fand. Papst Leo XIII. bestätigte 1884 ihre
Echtheit, warum auch immer. Der richtig große Pilgerzustrom blieb
trotzdem aus. Auch der Versuch des Faschistengenerals Franco, aus
nationalistischen Erwägungen den Jakobskult wiederzubeleben, hatte
wenig Erfolg. ach
dem Zweiten
Weltkrieg entdeckten Theologen, Kunstgeschichtler und
Historiker die abendländische Bedeutung der "großen
Wallfahrt des Mittelalters", der Pilgerpfad wurde wieder ein
ernsthafter Wirtschaftsfaktor, und die UNESCO erklärte ihn zum
Europäischen Kulturweg. Die Pilger, die wir im vergangenen
Sommer gesehen haben, sahen nicht aus wie katholische Fanatiker. Es
waren mehr Intellektuelle, zumeist junge Leute mit modernen
Rucksäcken und selbstgestrickten Pullovern, für die
vielleicht die Herausforderung, das Abenteuer wichtiger waren
als die Knochen von Santiago. |
| Maurenvertreibung,
Judenvertreibung und die Legenden Die Jakobslegende mag diverse Fünkchen Wahrheit beinhalten, in ihrer Gesamtheit jedoch ist sie natürlich keinesfalls glaubwürdig. Ihre Entstehung mag politische Gründe haben, die ihrerseits recht pervers sind. Die gar so christlichen Kreuzritter waren mit ihren blutrünstigen Missionen gescheitert, also war Rache angesagt, indem man die islamischen Herrscher aus ihren iberischen Besitzungen vertrieb. Diese waren übrigens keine Araber, sondern Mauren (= Berber), also relativ hellhäutige Nordafrikaner. Unter ihrer Herrschaft erlebte al-andalus, wie sie das Reich nannten, eine ungeheure wirtschaftliche und kulturelle Blüte - sowie eine großartige Toleranz, weshalb es nicht wirklich einen wahrhaft christlichen Grund gab, die Mauren mit Gewalt zu vertreiben. Die “christlichen” Kämpfe kosteten Geld, das zu großen Teilen von den Sefarden, den spanischen Juden aufgebracht wurde. Sie hatten entweder zum Christentum zu konvertieren oder aber das Land zu verlassen, wobei sie nur mitnehmen durften, was sie selbst tragen konnten. Da sie gebildete Leute und hochqualifizierte Handwerker waren, war damit eine Menge Geld zu machen. Es ist kein Wunder, das in diesem Zeiten der militanten Intoleranz Legenden entstanden oder kolportiert wurden, um die Vorgänge natürlicher und/oder christlicher aussehen zu lassen. Es war die Zeit des Umbruchs vom Mittelalter zur Renaissance (zu den Auslösern der europäischen Renaissance gehören nicht zuletzt die Araber!), und da war es sicher günstig, der mehrheitlich analphabetischen Bevölkerung “fromme” Legenden zu erzählen. So ranken sich unzählige Zusatzlegenden um den Jakobsweg, der dadurch erst recht in den Köpfen zementiert wurde. Anderswo auf diesen Seiten finden Sie die Hühnerlegende von Santo Domingo de la Calzada. Nicht alle Christen waren intolerant, dem gemeinsamen Gott sei Dank. König Alfonso el sabio, Alfons der Weise, gründete in Murcia eine Universität, an die er auch islamische und jüdische Lehrkräfte berief. Es half, wie man weiß, nichts. Er schrieb übrigens Lieder, und zwar auf Gallego, der galizischen Sprache. Diese Mischsprache zwischen Portugiesisch und Castellano hielt man für besonders melodisch. |
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