Weltenbummler erzählen















 Reise-Tagebuch - Der Jacobsweg - Legenden


Die Jacobslegende

m das Jahr 44 ließ Herodes Agrippa den Apostel Jakobus den Älteren enthaupten. Daraufhin geleiteten Engel und Jünger den Leichnam in einem Boot durch Mittelmeer und die Straße
von Gibraltar in den Hafen von Iria, heute Pedrón in Galicien, was vom vulgärlateinischen Pedrón für Stein kommt.

Ein junger Adliger ritt auf seinem Pferd am Hafen, als er ein Boot kommen sah. Dieses Boot trug - wie er sofort erkannte - die Gebeine des Heiligen Jakob. Freudig sprengte er ins Wasser, dem Kahn entgegen, was ihn beinahe das Leben gekostet hätte. Wo die Engel und Jünger geblieben waren, ist unklar. Der Heilige jedenfalls half Ross und Reiter ans Ufer, und die waren über und über mit Muscheln bedeckt, die heute Jakobsmuscheln heißen und nicht zuletzt von einer wenig frommen Ölfirma als Logo missbraucht werden.

Der Kahn stieß - bonk - an einen Felsen, der heute als Altar in der Kirche von Pedrón dient. An einem 25. Juli - Jakobstag und Fiesta in Santiago - wurden die Gebeine aus dem von Piraten bedrohten Ort in Sicherheit gebracht; sie wurden unter mysteriösen Umständen nach Compostela überführt und dort am 30. Dezember bestattet. Wenn auch die Gebeine dort nicht besonders viel Ruhe finden sollten Jakob muss sich wohlgefühlt haben, denn er war vorher schon mal dagewesen. Jakob hatte nämlich angeblich einen Versuch unternommen, die wilde Urbevölkerung zu missionieren, war aber wieder nach Judäa zurückgekehrt, weil er nur neun Leute bekehren konnte.

m 12. Jahrhundert wurde die Kathedrale erbaut, und die Pilger aus ganz Europa sorgten bereits seit dem 11. Jahrhundert für einen vorkapitalistischen Faktor, den man heute Tourismus nennt. Das ließ später wieder nach, Martin Luther war auch daran schuld, und zu Zeiten des 30-jährigen Kriegs mit Massenmord und Pestilenz wurde die Kundschaft rar.

Schlimmer allerdings wirkte sich die Bedrohung durch einen Edelpiraten aus. Man wollte 1589 die Reliquien vor einem gewissen Sir Francis Drake in Sicherheit bringen, das aber ging schief, denn die Gebeine gingen dabei verloren. Es brauchte hundert Jahre, bis sich wieder die ersten Pilger einfanden, Knochen oder nicht.

och Lago war immer noch gut für ein Wunder. 1879 wurde in der Kathedrale umgebaut und gegraben, wobei man unter dem Altar die wohl weitest gereisten Knochen der Weltgeschichte fand. Papst Leo XIII. bestätigte 1884 ihre Echtheit, warum auch immer. Der richtig große Pilgerzustrom blieb trotzdem aus. Auch der Versuch des Faschistengenerals Franco, aus nationalistischen Erwägungen den Jakobskult wiederzubeleben, hatte wenig Erfolg.

ach dem Zweiten Weltkrieg entdeckten Theologen, Kunstgeschichtler und Historiker die abendländische Bedeutung der "großen Wallfahrt des Mittelalters", der Pilgerpfad wurde wieder ein ernsthafter Wirtschaftsfaktor, und die UNESCO erklärte ihn zum Europäischen Kulturweg. Die Pilger, die wir im vergangenen Sommer gesehen haben, sahen nicht aus wie katholische Fanatiker. Es waren mehr Intellektuelle, zumeist junge Leute mit modernen Rucksäcken und selbstgestrickten Pullovern, für die vielleicht die Herausforderung, das Abenteuer wichtiger waren als die Knochen von Santiago.


Maurenvertreibung, Judenvertreibung und die Legenden

Die Jakobslegende mag diverse Fünkchen Wahrheit beinhalten, in ihrer Gesamtheit jedoch ist sie natürlich keinesfalls glaubwürdig. Ihre Entstehung mag politische Gründe haben, die ihrerseits recht pervers sind.

Die gar so christlichen Kreuzritter waren mit ihren blutrünstigen Missionen gescheitert, also war Rache angesagt, indem man die islamischen Herrscher aus ihren iberischen Besitzungen vertrieb. Diese waren übrigens keine Araber, sondern Mauren (= Berber), also relativ hellhäutige Nordafrikaner. Unter ihrer Herrschaft erlebte al-andalus, wie sie das Reich nannten, eine ungeheure wirtschaftliche und kulturelle Blüte - sowie eine großartige Toleranz, weshalb es nicht wirklich einen wahrhaft christlichen Grund gab, die Mauren mit Gewalt zu vertreiben.

Die "christlichen" Kämpfe kosteten Geld, das zu großen Teilen von den Sefarden, den spanischen Juden aufgebracht wurde. Sie hatten entweder zum Christentum zu konvertieren oder aber das Land zu verlassen, wobei sie nur mitnehmen durften, was sie selbst tragen konnten. Da sie gebildete Leute und hochqualifizierte Handwerker waren, war damit eine Menge Geld zu machen.

Es ist kein Wunder, das in diesem Zeiten der militanten Intoleranz Legenden entstanden oder kolportiert wurden, um die Vorgänge natürlicher und/oder christlicher aussehen zu lassen. Es war die Zeit des Umbruchs vom Mittelalter zur Renaissance (zu den Auslösern der europäischen Renaissance gehören nicht zuletzt die Araber!), und da war es sicher günstig, der mehrheitlich analphabetischen Bevölkerung “fromme” Legenden zu erzählen.

So ranken sich unzählige Zusatzlegenden um den Jakobsweg, der dadurch erst recht in den Köpfen zementiert wurde. Weiter unten finden Sie die Hühnerlegende von Santo Domingo de la Calzada.

Nicht alle Christen waren intolerant, dem gemeinsamen Gott sei Dank. König Alfonso el sabio, Alfons der Weise, gründete in Murcia eine Universität, an die er auch islamische und jüdische Lehrkräfte berief. Es half, wie man weiß, nichts. Er schrieb übrigens Lieder, und zwar auf Gallego, der galizischen Sprache. Diese Mischsprache zwischen Portugiesisch und Castellano hielt man für besonders melodisch.



ie Legende von Santo Domingo de la Calzada


Es war einmal vor etlichen hundert Jahren, dass sich ein Ehepaar mit seinem herangewachsenen Sohn auf die Pilgerreise nach Santiago de Compostela machte.

Dabei kehrten sie in Santo Domingo de la Calzada in einer Herberge ein. Die herangereifte Tochter des Wirtes fand großen Gefallen an dem schmucken Pilgerjüngling. Der indes war fromm und keusch und verschmähte die junge Frau, die dies äußerst übel nahm. Sie versteckte aus Rache irgendeinen silbernen Gegenstand in seinem Gepäck. Am Morgen wurde der Gegenstand vermisst und schließlich im Gepäck des jungen Mannes gefunden, der trotz seiner Unschuldbekundungen vom Stadtrichter inhaftiert wurde.
Hühnerstall
Tief betrübt machten sich die Eltern ohne ihren Sohn auf die Pilgerreise. In Santiago bekamen sie frischen Mut und Glauben, und auf der Rückreise sprachen sie beim Stadtrichter von Santo Domingo vor, um die Unschuld ihres Sohnes zu beteuern und notfalls um Gnade zu bitten. Sie hatten Glück, überhaupt vorgelassen zu werden, denn der Richter saß gerade zu Tisch und verspeiste einen Broiler, vulgo gebratenes Hähnchen.

Auf die Unschuldsbeteuerungen der Bittsteller antwortete der Richter: “Wenn euer Sohn unschuldig ist, dann kann dieser Broiler auch noch fliegen!” In dem Moment - wusch! - breitete der Flattermann seine Flügel aus und entschwand frisch, fromm, fröhlich und vor allem frei aus dem Esszimmer. Wovon der Richter anschließend doch noch satt wurde, ist nicht überliefert, auf jeden Fall ließ er den Häftling wunschgemäß frei.

Seither gibt es in der Kathedrale von Santo Domingo de la Calzada einen Hühnerstall, um an die Legende zu erinnern. Die Hühner sind Leihgaben von Bauern aus den umliegenden Dörfern und werden regelmäßig ausgetauscht, denn eine Kathedrale ist nun doch nicht der ideale Lebensraum für ungebratene Hühner.





Texte und Fotos

© Wieland Ulrichs

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