Weltenbummler erzählen















 Reise-Tagebuch - Der Jacobsweg im Sommer 1997


Der Pilgerpfad nach Santiago und die Musik dazu.

Alla Francesca: Richard Coeur de Lion - Troubadoures et trouveres - Opus 111 (Helikon).
Heft frz., engl., dt., Orig.texte m. Übersetzungen

Bei allem Bemühen um historische Präzision benutzt das Quartett auch In­strumente, die die sog. seriösen Vertreter mittelalterlicher Musik heute eher weniger benutzen: Drehleier oder Dudelsäcke, darunter gar ein mazedonischer (der allerdings nicht sonderlich gekonnt gespielt), Bambus- Querflöte und anderes, dazu Cistern, Harfe, Kleinperkussion usw., nie allerdings mit der vollen Breitseite möglicher Besetzungen, sondern immer dezent und kammer­musikalisch arrangiert.

Einige a-capella-Stücke finden sich ebenfalls. Richard Löwenherz, das war Richard Plantagenet (1157-1199), gleich­zeitig Herzog von Aquitanien, Graf von Poitiers und König von England - wieviele Ränke, Kämpfe und Schachereien mögen wohl zu solch einer Personalunion geführt haben? Zum Thema Kreuzzug dichtet ein Guiot de Dijon: "Mein Gott, wenn rufen 'Voran' / Herr, hilf dem Pilger / um den ich solche Angst habe / denn schrecklich sind die Sarazenen!" - wer eigentlich ist bei wem einmarschiert? möchte man fragen ... Doch ein Conon de Bethune fand auch kritische Worte: "Nicht aus Streben nach Gewinn / werde ich bei diesen Tyrannen bleiben / die für Geld Kreuzfah­rer wurden / um Kleriker, Bürger und Soldaten auszunehmen / Kreuzfah­rer mehr aus Habsucht denn aus Glauben / und, wenn sie das Kreuz nicht schützt / wird Gott mit diesen Kreuzfahrern entweder gnädig sein / oder sich schnell an ihnen rächen." Ein Trost: das Troubadour- und Trouvere­ Programm hat auch Liebeslieder zu bieten ...


Ensemble Organum: Chant mozarabe Harmonia Mundi HMC 901519 (Helikon).
Heft frz.," engl."

Diesen Stil bekämpfte die römische Kirche wie Pech und Schwefel, und wenn man sich die Musik anhört sowie die passenden sakralen Bauwerke betrachtet, bietet sich ein Grund dafür an. Mozarabische Liturgie gehört in mozarabische Kirchenbauten - und da geht es um Freude, nicht vor­rangig um schlechtes Gewissen. 1081 wurde auf dem Konzil von Burgas letztlich aus machtpolitischen Gründen die Aufhebung des altspanischen zugunsten des gregorianischen Stils beschlossen. Bloß in Toledo hielt sich eine aufrechte Schar - das war ja auch weiter weg.


Verschiedene: Espagne septentrionale - Le Chant du Monde CMT 2741003 (Helikon).

Ein bisschen Txalaparta aus dem Baskenland, viele Dudelsäcke aus Asturien, Aragon, Leon und natürlich Galicien: eine nicht sonderlich gut dokumentierte und keinesfalls vollständige Einführung - beispielsweise fehlen Drehleiern - mit einigen sehr reizvollen Aufnahmen.


Ibon Koteron & Kepa Junkera: Leonen Orroak
triki K-449 (Elkar, Igarabidea, 88 bis, E-20009 Donostia)

Mit mehreren Freunden machen die bei den Musiker eine zunächst aku­stische neue Volksmusik, bei der auch Uillean Pipes, Low Whistle oder Bouzouki verwendet werden. Doch der entscheidende baskische Ton kommt von der Alboka, der baskischen Doppelklarinette, entfernt der sardischen Launeddas vergleichbar, vom Klang etwa ein Mittelding zwischen lauten Geigen und Dudelsack. Neben Akkordeon, Flöte, auch mal Klavier, Gitarre und Gesang findet sich ein weiteres baskisches In­strument: die Txalaparta, jenes aus drei bis vier Brettern bestehende Perkussionsinstrument. Liedtexte und Einführung? Baskisch pur, kein Wort zu verstehen. Macht nichts, dies ist eine sehr tänzerisch angelegte, melodische Musik zwischen Donegal und Euskal Herria, dem Basken­land, mit einer guten Dosis "Wall of sound" a la Blowzabella vor allem auf der B-Seite, wo elektrische Instrumente hinzukommen.


Cantollano: Va tornean las campanas
Saga KPD-1O.929 (Tecnosaga. D. Armengot 13, E-28025 Madrid)

Insgesamt 34 Titel mit einer Gesamtdauer von 70 Minuten stammen aus eigenen Forschungen oder anderen Sammlungen und sind gut dokumentiert, wenn man Spanisch versteht. Da gibt es Wechsel­gesänge, Soli, Gebete und Anrufungen und anderes mehr, mal fast polyphon, mal eher rustikal-karg, in irgendeiner Weise stets liturgisch. Die Stimmbehandlung lässt an sardische und sizilianische, ja überhaupt italienische Gesänge denken, wenn auch nicht ganz so voluminös und kehlig gesungen wird. Inhaltlich geht es natürlich um die Jungfrau, um Fastenzeit, Auferstehung usw., praktisch einmal rund ums Kirchenjahr.


Verschiedene: Cantos de la guerra de España
Le Chant du monde LDX 2741034 (Helikon). Heft u. Textauszüge frz., engl., span.

Man kennt die Hymnen totalitärer Systeme ­ antifaschistische DDR-Nummern mit Militärchor und Blasorchester hören sich genauso bomba­stisch-eklig an wie Hitler-Musik (und es darf getrost bezweifelt werden, dass sich die musizie­rende Bundeswehr wesentlich anders anhört). Ge­neral Francos Combos werden sich nicht groß davon unterschieden haben, aber was ist mit den Liedern der letztlich auch durch deutsche Ein­griffe unterlegenen Republikaner? Immerhin hatten die auch musikalische Intellektuelle auf ihrer Seite, nicht zuletzt den Alleskünstler und Volksliedforscher Federico García Lorca, der dabei sein Leben ließ. Die vierzehn Lieder mit 37 Minuten wurden von mehreren, weiter nicht vor­gestellten Ensembles ursprünglich auf 78er­-Scheibe für die Voz de España aufgenommen, offenbar eine Exilfirma, und 1963 bei der jetzi­gen Firma erstveröffentlicht.

Das mag den Pa­thos im Hefttext erklären, und den hätte man mal renovieren können, schließlich ist sog. revolutionäre Kunst mitunter verdammt nah am Kitsch. Vier "Lieder" wurden von der "Cobla de Barce­lone" instrumental eingespielt, einer traditionel­len und keinesfalls martialischen Bläsercombo, mit Abstand das Beste auf der CD.

Die anderen Lieder wurden mit Chor und - bis auf ein baski­sches - Orchester unter Leitung zweier Dirigen­ten in deren Sätzen aufgenommen, und da schaut der romantisch-folkloristisch- kämpferische Volksheld durch. Wie von Ferne schmettert eine gedämpfte Trompete zwischen den massiven Chorparts usw. So bleibt diese CD bestenfalls ein zeithistorisches Dokument; die Lieder müsste man neu aufarbeiten. Denn die meisten von ih­nen sind traditionellen Ursprungs aus den unter­ schiedlichsten Gegenden Spaniens, teilweise mit auf den Anlass neu zugeschnittenen Texten.


Real Banda de Gaitas da Depucación Provincial de Ourense: Ano Santo
Promocións Artisticas Galegas (Rúa do Franco, 59. E-16702
Santiago de Compostela). Heft gal., engl.,  frz., span.

Real steht natürlich für königlich. Und in in farbenfrohen Trachten geht es hart und präzise zur Sache. In wahrhaft sinfonischen Ausmaßen gibt es al­lerhand Traditionelles und Populäres wie Muiñeiras, quasi galicische Na­tionaltänze, und Volkslieder. Aber dabei bleibt es nicht; der erstaunte Hörer hört gar Mike Oldfields "Tattoo" und später noch "Amazing Grace". Das Programm beschließen die galicische und die spanische Nationalhymne.


Vigo: Carlos Núñez: Brotherhood of stars - Opus 111 (Helikon).
BMG/RCA Victor 21 45375 2. Heft span., engl.

Für die Gelegenheit wurde an nichts gespart, die Musikerliste inkl. Ry Cooder, den Chieftains und zwei galicischen Gruppen ist schier endlos, und dementsprechend taumeln manche Über-Arrangements und Über-Overdubs scharf an der Grenze zum Kitsch. Hinzu kommt eine übertrie­ben große Stilvielfalt; manche Titel sind auch sehr, sehr gefühlvoll vor­getragen. Das ändert nichts daran, dass Núñez mit Blockflöte, Okarina, Tin und Low Whistle und (viel zu selten:) Gaita ein fantastischer Musiker ist. Bei einer witzigen Polka treffen wir am Akkordeon einen Bekannten aus dem Baskenland wieder: Kepa Junkera.


Milladoiro: Castellum honesti
ION 200003 5 C (Milladoiro, Apdo. correos 594, Santiago de C.).

Diese schon gut abgelagerte LP zeigt die Multiinstrumentalisten um den Geiger Michel Canadá von kantig-traditionell über tänzerisch bis reich­lich überinstrumentiert. Da die galicischen Tageszeitungen zwar über kaputte Rolltreppen massenhaft schreiben, aber mit Terminen eher des­organisiert sind, erfuhren wir von Milladoiros Jubiläumskonzert zum 25jährigen Bestehen erst am Morgen danach.


Oni Wytars: Peregrinatio Wytariensis - Musik auf dem Weg der Jakobspilger nach Santiago
Kassette und CD. Verlag der Spielleute
(Langlosenweg 14, 64385 Reichelsheim).

Das multinational besetzte Quartett geht die Thematik von ungewöhnli­cher Seite an mit Nyckelharpa, Saz und Ud und interpretiert frisch neun Stücke, u.a. "Cantigas de Santa Maria" aus dem Codex Alfonsos X. Die Verwendung scheinbar fremder Instrumente ist keinesfalls ein Sakri­leg: in den Cantigas sind zwei Christen abgebildet, die den arabischen Rebab spielen, quasi eine arabische Kniegeige - so verhasst waren die Mauren denn doch nicht. ... Ebenfalls finden sich in den Illustrationen der Ud und eine Langhalslaute, die man heute als Saz bezeichnen würde.


Sonus: Echoes of Spain. - Galician-Portuguese Music of the Middle Ages
Dorian DIS-80154 (inak). - Heft engl. Orig.texte m. Übers. in Auswahl.

Das amerikanische Quartett spielt Blockflöten, Schalmeien, Harfe, Saz, Ud, die kleine Chitarra latina und natürlich Perkussion. Die an sich über­zeugende Sängerin hat gelegentlich Schwierigkeiten, ihr Vibrato zu brem­sen, so lässt sich der Erfolg einer "pronunciation assistance" kaum ermes­sen. Mit sparsamer, unaufdringlicher Instrumentation erreicht das En­semble etwas, das bei akademisch- relevant aufbereiteter alter Musik selten ist: die Musik swingt. Und das 64-Minuten-Repertoire kann sich sehen lassen: neben allerhand Alfonso-Stücken gibt es zwei aus Las Huelgas und dann als Rarität den Zyklus von Martin Codax. Das kurze Gedicht mit der fehlenden Melodie wird rezitiert, einzig seriöse Möglichkeit.


Discantus: Campus Stellae - Saint·Martial de Limoges, Santiago de Compostela
Opus OPS 30-102 (Helikon). - Heft frz., engl., dt., kompl. Text in Übers.

Das zehnköpfige Vokalensemble unter Leitung von Birgit Lesne, die auch bei der Löwenherz-CD mitwirkte, singt 18 Gesänge aus dem genannten Codex wie aus französischen Quellen. Glasklare Stimmen ohne allzu viel Vibrato und Schnörkel sind angenehm - leider vermisst man Dynamik.


Russell Oberlin: Las cantigas de Santa Maria 
Lyrichord Early Music Series LEMS 8003 (PMS). - Heft engl. Orig.texte m. Übers.

Gewöhnungsbedürftig sind die Darbietungen des Kontratenors schon ­ aber schnell wird einem klar, dass dies die überlegene Version ist. Beglei­tet wird Oberlin vom Lautenisten Joseph Iadone, aber der hat nicht viel zu tun, knapp und sparsam ist die Begleitung gehalten, schließlich gibt es im Codex keine Begleitung. Eigentlich handelt es sich nur um wenige stützende Akkordvorgaben, anderswo gibt es auch mal Finger-Zimbals. So kann man sich die Melodien letztlich a capella zu Gemüte führen: der Kommentator weist zu Recht darauf hin, dass die Melodien aus unter­schiedlichen Quellen bzw. Einflüssen kommen: gregorianische, volks­tümliche und arabische. Schallplattenbedingt gibt es nur 37 Minuten; aber die Qualität der Darbietung und des Heftes machen das allemal wett.


Adaro: Stella splendens
akkudisc ADCD 3029 (FMS). Heft engl.

Darf man das? Warum eigentlich nicht - von den anderen, historisch orientierten Interpreten weiß auch keiner, wie's im Mittelalter wirklich geklungen hat. Problematischer finde ich die gelegentliche Ausrichtung an den Harmoniestufen I, IV und V - die hat es damals nun wirklich nicht gegeben. Ansonsten ist die durchaus vielseitige Rockmucke richtig gut gemacht und mit viel Spaß gespielt, wenn ich auch nicht einsehen mag, was da eine tibetanische Fantasienummer mit englischem Text zu suchen hat, da ist das islamische Bezugsstück ("Dakar") viel angebrachter.


Verschiedene: Escola de gaitas
Gurnbarda 30100199 (Serdisco, Paseo de la Castellana, 141, E-28046 Madrid).

Informationen gibt's keine, nicht einmal die Namen der Gruppen. Aber es geht hoch her, beinhart sozusagen, und gipfelt in einer Massendarbietung des gegen Ende letzten Jahrhunderts im traditionellen Tonfall kompo­nierten "Himno Galego". Mitschnitte solcher Festivals gibt es inzwi­schen reichlich auf CD in Zeitschriften- und Andenkenläden zu kaufen, was man ohne Bedenken tun kann.
 




Texte und Fotos

© Wieland Ulrichs

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