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Der Kaukasus-Trip von Anna und Wieland Ulrichs - IV

Samstag - 20. Juli

13:15. Wir sitzen im Botanischen Garten von Tbilisi im Schatten. Tausende von Grillen zirpen, Wasser plätschert unten in der Schlucht.

Die Bahnfahrt wurde unterwegs abkassiert: 8 Lari für die Fahrt, 2 Lari für Kissenbezug,
2 Laken und ein kleines Handtuch, sauber in Plastik eingeschweißt. Anna unterhielt sich länglich mit zwei Georgiern, eigentlich aus dem Nachbarabteil. Ich schrieb mir den Zorn über die Kreditkarte ab. Zwischendurch kamen immer wieder Omas mit kalten Getränken u.a., die wohl bei den warum-auch-immer-Zwischenstopps ein- und ausstiegen. Ich bekomme ein Bier, Anna eine Limonade ausgegeben. Professionell: unter dem Klapptisch ist gar ein fester Öffner angebracht.

Die Strecke ist eingleisig, gelegentlich kommen Gegenzüge, die abgewartet werden, sonst ist unklar, warum wir gerade stehen. Anfangs geht es direkt am Meer entlang, später kommt Wald, dann ist eigentlich nichts mehr zu sehen außer vielleicht einem heruntergekommenen Bahnsteig und einem eingestürzten Stationsgebäude im Dunkel.

Laken auslegen, Kissen beziehen. Inzwischen kühlt es etwas ab, die Lüftung im 4er-Abteil, in dem nur wir beide sind, gibt ein bisschen Luft, heiß ist es trotzdem. Erst gegen 4 Uhr wird mir etwas kühl. Anna schläft wie ein Stein, ich nur in Abschnitten. Ein Klobesuch ist eher unangenehm.

Erwache um Sieben, draußen ist es hell, aber durch die schmutzigen Fenster kann man nicht gut sehen. Halb Acht: die Musik ist wieder an. Endlose Industrieruinen, kaputte Bahnanlagen, rostige Waggons, Leute auf Gleisen. Einer der beiden Schaffner kommt: wir sollen uns fertig machen. Jetzt schon? Dachte, wir kommen um 9 an. Punkt 8 laufen wir in den großen Bahnhof von Tbilisi ein. Die Gleisanlagen wirken mindestens zur Hälfte verwahrlost, das große Gebäude ist eine riesige und innen finstere Bauruine. Der Bahnsteig ist überflutet mit Leuten, Gepäck, Obstkisten.

Der eine Mann von gestern will uns helfen und bringt uns mit Umwegen zu einem Marshrutka, das zur Rustavelis Gamziri, dem Rustaveli-Boulevard bringt, DER Straße in Tbilisi überhaupt. In einem Straßencafe beim Freiheitsplatz trinken wir Kaffee und Borjomi für 3 Lari und lesen in der frisch erstandenen Wochenzeitung Georgian Times allerhand Tünnef. Ob wir unser Gepäck bis heute Abend hier lassen dürfen? Ja, nur ... Umräumen hinter der Theke, bis Platz für unsere Rucksäcke ist.


Wir gehen an der Stadtmauer entlang zur Anchiskhati-Kirche, dort ist ein kleiner Gottesdienst, Frauen singen dreistimmig. Anna geht wegen ihrer kurzen Hose lieber nicht hinein. Weiter in die Altstadt. In der Karavanserai wird unheimlich restauriert, später bei der Zioni-Kirche große TiefbausteIle, dann sind wir bei der armenischen Kirche. Pause im Hof.

Zu den Schwefelbädern, wollen doch mal sehen, ob und wie man da reinkommt. Beim Eingang werden wir gleich abgeschleppt zum Schauen: Bar, Marmor, dann Wasserbecken, die nach Schwefel riechen, aber keine verständliche Auskunft. Wir gehen. Siehe da: es gibt noch mehr Eingänge. Bei einem solchen treffen wir vier Männer, die Englisch sprechen. Dies sei das beste Bad mit einem großen Pool, einfach hingehen, 13 Lari die Stunde. Ob wir reservieren wollen? Nein.

Sie gehen immer nach dem Bad unten um die Ecke in ein Restaurant mit georgischer Küche, da müssten wir auch mal hin. Eigentlich ... Wir könnten ja gleich mitkommen, wir sind eingeladen.
NobIer Laden, Separee mit großem Tisch, Klimaanlage. Es kommt Salat, Brot, Borjomi, Birnenbrause, nein: um 12 Uhr für mich weder Bier noch Wein. Dann eine trickreiche Suppe, Brühe mit Fleischeinlage. Ich kann nicht mehr. Anna langt noch beherzt beim Schaschlik zu und verzehrt auch noch stilgerecht ein Khinkali, eine Art georgische Teigtasche. Kaffee.

Der Ami ist irgendein Steuerfachmann bei der georgischen Regierung, einer der Georgier Archäologe, der zweite ebenfalls sehr gebildet, der dritte spricht kaum Englisch. Es geht um die Probleme der Türkei u.v.a.m. Dann Verabschiedung: vielen Dank, dass wir mitgekommen sind, war sehr nett etc., weg sind sie.

Wir gehen zwecks Siesta/Tagebuch in den Botanischen Garten, vorher an der Moschee vorbei. Es IST heiß. Der Garten ist im Vergleich zu vor zwei Jahren recht grün. Sitzen auf einer Schattenbank... 14 Uhr.

Dass wir Jünglinge anziehen, hat wohl weniger mit mir zu tun ... Schon mehrfach, auch schon in der Türkei, haben sich Leute Gedanken gemacht, in welchem Verhältnis Anna und ich zueinander stehen, und waren dann ganz amüsiert, als sie es erfuhren.

Ein Jüngelchen will eine Zigarette, gebe ihm eine "Prima", 20 Stück = 20 Tetri = 20 Pfennig. Small Talk. Ein Zweiter taucht auf und malt Anna ein Blümchen ins Tagebuch. Ein Dritter erscheint. Allgemeines Radebrechen der jungen Leute. Ob wir wissen, dass man hier baden kann? Nur wenige Meter ... Tatsächlich: da ist ein Wasserfall, der vor zwei Jahren mangels Wasser nicht fiel, der ergießt sich in ein Steinbecken, in dem al erhand Leute baden. Prima: fast mitten in der Stadt für
50 Tetri Eintritt müssen wir uns für künftige Mittagszeiten merken.

Schade, der Tunnelausgang durch den Berg ist gesperrt, aber offensichtlich haben die Jungs einen Trick, durch das Gitter zu klettern. Vorbei an Lilien, Tagetes, Geranien und Petunien, gar Becken mit Seerosen gehen wir zum normalen Ausgang und dann in der Altstadt zur urigen Kneipe Sans Souci mit dem Kronleuchter im Klo.

Wir bekommen den letzten Tisch auf der Veranda. Während wir eine Hochzeit nebenan auf dem Anchiskhati-Kirchhof zuschauen, kommt eine schüchterne Bedienung mit einem äußerst großen Blumenstrauß: der sei für Anna. ??? Das muss ein Irrtum sein. Sie lässt den Strauß da, geht nach drinnen, doch, doch: von dem Tisch innen vorm Fenster. Anna mit Blumen rein zum Bedanken, ich hinterher mit Kamera. Wir sollen uns dazusetzen. Ich hole die Sachen. Georgischer Schaumwein, lecker. Die vier Herren reden Georgisch, Russisch sowie ein paar Prozent (Promille?) Englisch und Deutsch und haben schon mehrere Flaschen hinter sich. Optisch könnten sie gut zur Mafia gehören, wollten sich wohl einen harmlosen Spaß gönnen. Ich gehe, um George anzurufen, finde aber kein PTT. Darf ein Mafia-Mobil benutzen, George ist erst in 2 bis 3 Stunden in Tbilisi. Jetzt ist es Fünf. Wir tun so, als ob wir gehen müssen, riesiger Abschied, spassiva, danke.

Die Blumen geben wir den Imbiss-Frauen, die unsere Rucksäcke lagern. Borjomi zum Verdünnen. Anna packt um, lange Hose für den Gottesdienst, der wieder Erwarten nicht um 19:00, sondern schon um 17h beginnt. Briefumschlag für Kopien von Annas Tagebuch an Philipp aufgetrieben.

Das Kirchlein ist brechend voll, Anna mit Kopftuch, gesungen wird auch - aber nur von zwei Geistlichen und mehreren Frauen: Der Anchiskhati-Chor macht offenbar Urlaub. Sans Souci? Nein, billiger beim Freiheitsplatz um die Ecke am Rande eines kleinen Parks, Kiosk, Tee. Anna kauft Obst, das von einer dicken Eisverkäuferin in den Katakomben eines heruntergekommenen Gebäudes gewaschen wird. Nebenan richtige Rockmusik, rundum Stände mit Blumen, Zahnpasta, Grusinskij Matronskij Slipskij und sonst Allem. 19:35. Zur Verwandtschaft "unseres" Kiosks gehört eine junge Frau, die Deutsch spricht. Sie ist Georgisch-Lehrerin, hat an der Uni Deutsch gelernt (und möchte gerne üben). Sie wohnt mit ihrer Tochter bei ihren Eltern. Um 20:30 bringt sie, Lali, mich zu einem versteckten Telefonladen, George geht ans Telefon: in einer halben Stunde kommt er oben an die Bar, wo unsere Rucksäcke lagern.

Da ist er schon! Er hat seinen Cousin Tornike mitgebracht. Mit seinem noblen BMW fahren wir in den alten Teil am anderen Flussufer. In einer Bruchbude mitten in der steilen Gasse mit den Weinkneipen gibt es im 1. Stock ein Appartement mit Vorraum, großem Zimmer mit drei Betten hinten, kleiner Küche und Klo mit Badewanne. Die Vermieterin taucht auf, Margarita, Klavierlehrerin, Witwe, der bei ihr wohnende Sohn feiert heute den 23. Geburtstag. 150 USD will sie für den Monat haben, ein Kühlschrank kommt auch noch (kam nie), ab morgen geht das Telefon (ging nie). Anna findet das zu teuer, ich finde das als "Hauptquartier" in Ordnung,
hatte ich so einkalkuliert.

George will schnell zu seiner Familie, 15 Min. Fahrt in die Berge, aber: ich mag doch ein gutes kaltes Bier, ob wir schnell noch ... ? Auja. Wir fahren zu einem Nobelgarten am anderen Ufer, und gerade als wir sitzen, beginnt eine äußerst laute Live-Band. Wir ziehen um auf den Balkon vom nahen Sans Souci. Anna bekommt einen weißen Wein der Hausmarke, den sie ziemlich scheußlich findet, wir trinken Bier. Am Nebentisch werden die in Georgien üblichen Toasts ausgebracht, und plötzlich zieht einer eine Pistole und schießt in die Luft. Allgemeine Erstarrung. George diskutiert mittelfreundlich mit dem Typen, meint, wenn er mit dem alleine wäre, spräche er an ders (ach so), der jedenfalls entschuldigt sich mit seinem Toast-Temperament. George und Tornike fahren uns nach Hause, jederzeit anrufen etc., ein paar
Informationen wegen eines Festivals in Borjomi, ich lade Tornike für morgen 19 Uhr zum Abendessen ein - er und sein Kumpel kennen sich bestens in Kakhetien aus, und das ist vielleicht unsere Chance, zu dem eigentlich nicht erreichbaren Höhlenkloster Davit Garechi im Südosten zu kommen. Paka - tschüs.

Anna geht duschen, ich unten in die Weinkneipe, Wein kaufen. Riesige Karte auch auf Englisch ohne Preise. Probiere einen leckeren weißen, will den eigentlich haben, muss aber einen fast-rose kosten, ja, den möchte ich. Adjin litr? Da, da. Aus dem Kühlschrank großer Kannister, umständlich in Messbehälter, per Trichter in Plastik-Limo-Flasche. Ziehen die mich jetzt über den Tisch? Nein: 2,40 Lari.

Anna ist fertig mit Duschen. Margarita hat irgendwie den Wein gerochen und taucht auf, ich hole ihr einen Stuhl raus auf die "Dachterrasse". Sie war auch länglich in Bulgarien und geht wieder, nach dem einige Jünglinge von der Geburtstagsfeier die Treppen auf- und abgetorkelt sind. Anna geht schlafen. Ich finde gar eine zweite Kerze (morgen ist die weg ... ) und sinniere beim leckeren leichten Wein über Gott, Welt und Georgien.














































Mafia? Anna bekommt in Sans Souci Blumen geschenkt


















Anchiskhati-Kirche: Basilika, 7. Jh.ff.

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