Wir
gehen an der Stadtmauer entlang zur Anchiskhati-Kirche, dort ist
ein kleiner Gottesdienst, Frauen singen dreistimmig. Anna geht
wegen ihrer kurzen Hose lieber nicht hinein. Weiter in die Altstadt. In
der Karavanserai wird unheimlich restauriert, später bei der
Zioni-Kirche große TiefbausteIle, dann sind wir bei der
armenischen Kirche. Pause im Hof.
Zu den
Schwefelbädern,
wollen doch mal sehen, ob und wie man da
reinkommt. Beim Eingang werden wir gleich abgeschleppt zum Schauen:
Bar, Marmor, dann Wasserbecken, die nach Schwefel riechen, aber keine
verständliche Auskunft. Wir gehen. Siehe da: es gibt noch mehr
Eingänge. Bei einem solchen treffen wir vier Männer, die
Englisch sprechen. Dies sei das beste Bad mit einem großen Pool,
einfach hingehen, 13 Lari die Stunde. Ob wir reservieren wollen? Nein.
Sie gehen immer nach
dem Bad
unten um die Ecke in ein Restaurant mit
georgischer Küche, da müssten wir auch mal hin. Eigentlich
... Wir könnten ja gleich mitkommen, wir sind eingeladen.
NobIer Laden, Separee
mit
großem Tisch, Klimaanlage. Es kommt
Salat, Brot, Borjomi, Birnenbrause, nein: um 12 Uhr für mich weder
Bier noch Wein. Dann eine trickreiche Suppe, Brühe mit
Fleischeinlage. Ich kann nicht mehr. Anna langt noch beherzt beim
Schaschlik zu und verzehrt auch noch stilgerecht ein Khinkali,
eine Art georgische Teigtasche. Kaffee.
Der Ami ist irgendein Steuerfachmann bei der georgischen Regierung,
einer der Georgier Archäologe, der zweite ebenfalls sehr gebildet,
der dritte spricht kaum Englisch. Es geht um die Probleme der
Türkei u.v.a.m. Dann Verabschiedung: vielen Dank, dass wir
mitgekommen sind, war sehr nett etc., weg sind sie.
Wir gehen zwecks Siesta/Tagebuch in den Botanischen Garten, vorher an
der Moschee vorbei. Es IST heiß. Der Garten ist im Vergleich zu
vor zwei Jahren recht grün. Sitzen auf einer Schattenbank... 14
Uhr.
Dass wir Jünglinge anziehen, hat wohl weniger mit mir zu tun ...
Schon mehrfach, auch schon in der Türkei, haben sich Leute
Gedanken gemacht, in welchem Verhältnis Anna und ich
zueinander stehen, und waren dann ganz amüsiert, als
sie es erfuhren.
Ein Jüngelchen will eine Zigarette, gebe
ihm eine "Prima", 20
Stück = 20 Tetri = 20 Pfennig. Small Talk. Ein Zweiter taucht auf
und malt Anna ein Blümchen ins Tagebuch. Ein Dritter erscheint.
Allgemeines Radebrechen der jungen Leute. Ob wir wissen,
dass man hier baden kann? Nur wenige Meter ... Tatsächlich: da ist
ein Wasserfall, der vor zwei Jahren mangels Wasser nicht fiel,
der ergießt sich in ein Steinbecken, in dem al erhand
Leute baden. Prima: fast mitten in der Stadt für
50 Tetri
Eintritt müssen wir uns für künftige
Mittagszeiten merken.
Schade, der
Tunnelausgang
durch den Berg ist gesperrt, aber
offensichtlich haben die Jungs einen Trick, durch das Gitter zu
klettern. Vorbei an Lilien, Tagetes, Geranien und
Petunien, gar Becken mit Seerosen gehen wir zum normalen Ausgang und
dann in der Altstadt zur urigen Kneipe Sans Souci mit dem Kronleuchter
im Klo.
Wir bekommen den
letzten
Tisch auf der Veranda. Während wir eine Hochzeit nebenan auf dem
Anchiskhati-Kirchhof zuschauen, kommt eine schüchterne Bedienung
mit einem äußerst großen Blumenstrauß: der sei
für Anna. ??? Das muss ein Irrtum sein. Sie lässt den
Strauß da, geht nach drinnen, doch, doch: von dem Tisch innen
vorm Fenster. Anna mit Blumen rein zum Bedanken, ich hinterher mit
Kamera. Wir sollen uns dazusetzen. Ich hole die Sachen. Georgischer
Schaumwein, lecker. Die vier Herren reden Georgisch, Russisch sowie ein
paar Prozent (Promille?) Englisch und Deutsch und haben schon mehrere
Flaschen hinter sich. Optisch könnten sie gut zur Mafia
gehören, wollten sich wohl einen harmlosen Spaß gönnen.
Ich gehe, um George anzurufen, finde aber kein PTT. Darf ein
Mafia-Mobil benutzen, George ist erst in 2 bis 3 Stunden in Tbilisi.
Jetzt ist es Fünf. Wir tun so, als ob wir gehen müssen,
riesiger Abschied, spassiva, danke.
Die Blumen geben wir den Imbiss-Frauen, die unsere Rucksäcke
lagern. Borjomi zum Verdünnen. Anna packt um, lange Hose für
den Gottesdienst, der wieder Erwarten nicht um 19:00, sondern schon um
17h beginnt. Briefumschlag für Kopien von Annas Tagebuch an
Philipp aufgetrieben.
Das Kirchlein ist brechend voll, Anna mit Kopftuch, gesungen wird auch
- aber nur von zwei Geistlichen und mehreren Frauen: Der
Anchiskhati-Chor macht offenbar Urlaub. Sans Souci? Nein, billiger beim
Freiheitsplatz um die Ecke am Rande eines kleinen Parks,
Kiosk, Tee. Anna kauft Obst, das von einer dicken Eisverkäuferin
in den Katakomben eines heruntergekommenen Gebäudes gewaschen
wird. Nebenan richtige Rockmusik, rundum Stände mit Blumen,
Zahnpasta, Grusinskij Matronskij Slipskij und sonst Allem. 19:35. Zur
Verwandtschaft "unseres" Kiosks gehört eine junge Frau, die
Deutsch spricht. Sie ist Georgisch-Lehrerin, hat an der Uni Deutsch
gelernt (und möchte gerne üben). Sie wohnt mit ihrer Tochter
bei ihren Eltern. Um 20:30 bringt sie, Lali, mich zu einem versteckten
Telefonladen, George geht ans Telefon: in einer halben Stunde kommt er
oben an die Bar, wo unsere Rucksäcke lagern.
Da ist er schon! Er hat seinen Cousin Tornike mitgebracht. Mit seinem
noblen BMW fahren wir in den alten Teil am anderen Flussufer. In einer
Bruchbude mitten in der steilen Gasse mit den Weinkneipen gibt es im 1.
Stock ein Appartement mit Vorraum, großem Zimmer mit drei Betten
hinten, kleiner Küche und Klo mit Badewanne. Die Vermieterin
taucht auf, Margarita, Klavierlehrerin, Witwe, der bei ihr
wohnende Sohn feiert heute den 23. Geburtstag. 150 USD will sie
für den Monat haben, ein Kühlschrank kommt auch noch (kam
nie), ab morgen geht das Telefon (ging nie). Anna findet das zu teuer,
ich finde das als "Hauptquartier" in Ordnung,
hatte ich so
einkalkuliert.
George will schnell zu
seiner Familie, 15 Min. Fahrt in die Berge,
aber: ich mag doch ein gutes kaltes Bier, ob wir schnell noch ... ?
Auja. Wir fahren zu einem Nobelgarten am anderen Ufer, und gerade
als wir sitzen, beginnt eine äußerst laute Live-Band.
Wir ziehen um auf den Balkon vom nahen Sans Souci. Anna bekommt einen
weißen Wein der Hausmarke, den sie ziemlich
scheußlich findet, wir trinken Bier. Am Nebentisch werden die in
Georgien üblichen Toasts ausgebracht, und plötzlich
zieht einer eine Pistole und schießt in die Luft.
Allgemeine Erstarrung. George diskutiert mittelfreundlich
mit dem Typen, meint, wenn er mit dem alleine wäre, spräche
er an ders (ach so), der jedenfalls entschuldigt sich mit seinem
Toast-Temperament. George und Tornike fahren uns nach Hause, jederzeit
anrufen etc., ein paar
Informationen wegen
eines
Festivals in Borjomi, ich lade Tornike
für morgen 19 Uhr zum Abendessen ein - er und sein Kumpel kennen
sich bestens in Kakhetien aus, und das ist vielleicht unsere Chance, zu
dem eigentlich nicht erreichbaren Höhlenkloster Davit Garechi im
Südosten zu kommen. Paka - tschüs.
Anna geht duschen, ich unten in die Weinkneipe, Wein kaufen. Riesige
Karte auch auf Englisch ohne Preise. Probiere einen leckeren
weißen, will den eigentlich haben, muss aber einen fast-rose
kosten, ja, den möchte ich. Adjin litr? Da, da. Aus dem
Kühlschrank großer Kannister, umständlich in
Messbehälter, per Trichter in Plastik-Limo-Flasche. Ziehen die
mich jetzt über den Tisch? Nein: 2,40 Lari.
Anna ist fertig mit Duschen. Margarita hat irgendwie den Wein gerochen
und taucht auf, ich hole ihr einen Stuhl raus auf die "Dachterrasse".
Sie war auch länglich in Bulgarien und geht wieder, nach dem
einige Jünglinge von der Geburtstagsfeier die Treppen auf- und
abgetorkelt sind. Anna geht schlafen. Ich finde gar eine zweite Kerze
(morgen ist die weg ... ) und sinniere beim leckeren leichten Wein
über Gott, Welt und Georgien.
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Mafia? Anna bekommt
in
Sans Souci Blumen geschenkt
Anchiskhati-Kirche:
Basilika, 7. Jh.ff.
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