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Pilgerpfad nach Santiago und die Musik dazu
Teil II
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Der Pilgerpfad nach Santiago und die Musik dazu - Teil III

Kathedrale von LeonLeón, ehemals Hauptstadt des gleichnamigen Königreichs, bevor es in mehreren Anläufen im
13. Jahrhundert endgültig mit Kastilien vereinigt wurde - dieses Leon ist in seiner Altstadt viel "spanischer", strenger als das multikulturelle Burgos. Die Kathedrale aus dem 14. Jahrhundert ist ein Meisterwerk französisch-spanischer Gotik mit einem entscheidenden Konstruktionsfehler: zu leichtfüßig, zu schlank und licht gebaut, musste die Kathedrale alle paar Generationen aufs Neue vor dem Einsturz gerettet werden. Was Helligkeit, Offenheit und Freundlichkeit betrifft, ist Santa María la Regla das schönste Bauwerk, das ich je gesehen habe, hier kann man einfach die Seele baumeln lassen.

Wir hatten uns zu einem Wandertag entschlossen: wenigstens einen Abschnitt wollten wir so richtig wie die Pilger gehen. Dafür hatten wir uns im Reiseführer einen 20-Kilometer-Abschnitt zwischen León und Astorga ausgesucht, der dann auch landschaftlich interessant war. Allerdings war es so etwas wie der heißeste Tag des Jahres, rund 40 Grad mit herzlich wenig Schatten. In einem mühsam erreichten Wäldchen machten wir mehrere Stunden Siesta, bevor wir eine steppenartige Hochebene mit ein paar Ruinen aus Adoben (luftgetrockneten Ziegeln) erreichten, an deren Ende wir für ein sturzflutartiges Gewitter einen Unterstand fanden. Kurz danach war es so heiß wie zuvor, und im nächsten Dorf bekamen wir Limonade in geeisten Gläsern, auf denen sich gleich eine Eisschicht bildete: einfach unsittlich kalt und sehr willkommen.



In Ponferrada kurz vor Galicien - so benannt nach einer mit Eisenklammern befestigten Brücke des 11. Jahrhunderts - kamen wir spät abends an und bauten unser Zelt im Mondlicht zwischen Baustellen und einem Park auf. Musikalischer Höhepunkt (?) war ein in der Nähe statt findender Diskjockey-Wettbewerb bis fünf Uhr früh. Das Trampen in ein Bergdorf in der Nähe klappte nicht, und die.riesige Templerburg gab es nur von außen zu sehen, schließlich war Montag.

Der amtliche Pilgerpfad sollte jetzt quer durch die Berge führen ohne eine halbwegs vernünftige Straße in der Nähe.
Wir nahmen also die Bahn nach Orense, auf Galicisch mit einem U, wo eine jugendliche Gruppe mit 56 Dudelsäcken, dazu mit Trommlern usw. beheimatet ist:
Real Banda de Gaitas da Deputacion Privincial de Ourense: Ano Santo...


Im südwestlichsten Teil von Galicien, kurz vor Portugal, liegt Vigo. Von dort kommt ein 1970 geborener Musiker, der eigentlich Blockflöte studiert hat. Sein Ruhm kam allerdings schon vorher: 1983 fiel beim Festival Interceltique in Lorient/Bretagne er als Gaita-Spieler auf, der in der Folge mit den irischen Chieftains tourte und Aufnahmen mit Größen aus dem Pop geschäft machte. Seit letztem Jahr ist er mit der Band unterwegs und landete als einer der wenigen Folkmusiker bei einem Major-Label:
Vigo: Carlos Núñez: Brotherhood of stars ...

Die Tageszeitung offenbarte es: in der Hafenstadt La Coruña, keine hundert Kilometer nördlich von Santiago, hatte ein keltisches Festival mit diversen Gästen aus Irland, Schottland, Wales und der Bretagne begonnen - den Auftakt mit Milladoiro hatten wir verpasst. Klar, dass wir unser Minizelt abbrachen und nach La Coruña umzogen.

Galicische FrauengruppeDer Kern dieser reichlich großen Stadt liegt reizvoll an einer Flussmündung auf einer felsigen, T-förmigen Halbinsel. Die Stadtverwaltung hat eigens ein "De partamento de Fiestas", wo wir uns für das "Festival do mundo celta" (bitte: kelta) akkreditieren lassen wollten. Der Beamte hatte das noch nicht erlebt, schließlich war das Festival kostenlos ... Eine Programmübersicht gab es nicht, und der Termin fürs nächste Jahr? Irgendwie Mitte August oder danach. So hörten wir denn in einem beeindruckenden Park aus der Gründerzeit ein buntgemischtes, natürlich stark Dudelsack-haltiges Programm, bei dem uns die galicischen Gruppen mit Musikern, Tänzern und auch Sängern am meisten interessierten.
Von solchen Festivals gibt es natürlich Aufnahmen, ein älteres Beispiel beschließt diesen Artikel.

In Ortigueira im nordöstlichsten Zipfel Galiciens fand am 19. und 20. August 1980 das dritte "Festival internacional do munda celta" statt, von dem einige Mitschnitte v.a. mit Dudelsäcken und Drehleiern auf eine LP gebracht wurden:
Verschiedene: Escola de gaitas ...
Bemerkungen zur Reise

Ü
bernachtet haben wir zumeist auf Campingplätzen, die alle zufriedensteIlend und mit Stadt- oder Regionalbussen zu erreichen waren. Abends sind häufig die Verbindungen schlecht. Manche Veranstaltungen beginnen erst um 22 Uhr, und man kommt danach nicht mehr zurück. Beim wilden Campen am Rande von Parks etc. hatten wir keine Probleme; unser Gepäck war stets unangetastet, wenn wir es irgendwo abgeladen hatten, Die zahlreichen "amtlichen" Pilgerherbergen haben wir nicht benutzt, weil wir ja keine "echten" Pilger waren, denen man diese Unterkünfte nicht wegnehmen sollte.

Will man nicht selbst in der großen Hitze zwischen 13 und 16 Uhr Siesta machen, so ist dies die ideale Zeit für einen Stadtrundgang: einfach nichts los, aber die Kaffee-Bars haben geöffnet. "Jara" ist dafür ein wichtiges Wort, das ist nämlich ein Halbliterkrug, der den sonst üblichen Bierportionen von 0,2 Litern oder noch weniger klar vorzuziehen ist, und "cafia" ist das vorn Zapfhahn ...

In den Oficinas de turismo erhält rnan gratis Heftchen mit Stadtplan, Hinweisen auf Sehenswürdigkeiten etc. Die aus Santiago und La Corufia äußern sich durchaus kritisch über Jakobslegende und andere "historische" Dinge - auch die Frage, was Compostela eigentlich bedeute, wird diskutiert: campus stellae, das Feld, wo irgendjemand irgendwann irgendeinen hellen Stern gesehen haben soll, ist keinesfalls die einzige Interpretation; compos stelae, vulgärlatein für "Herr des Grabes" ist vielleicht plausibler.

Zuguterletzt: als Reisenden auf dem Camino de Santiago wurde uns "Caminandos" große Herzlichkeit entgegengebracht, was sich in der Bedienung in Bars zeigte, uns wurden Früchte geschenkt usw. Wir hätten wohl beim Trampen ein Santiago-Schild dabeihaben sollen ...










Über die Stadt Santiago und die weltberühmte
Kathedrale muss ich wohl nicht viele Worte verlieren.
Den Musiker interessiert an der Kathedrale das Pórtico de La Gloria,
das 1188 fertiggestellte Portal, über dem ein steinernes Orchester sitzt mit der
ältesten Abbildung einer Drehleier.


DavidIm Barock wurde ein zweites Portal davorgesetzt, was den Fotografen gar nicht freut. Die Innenstadt atmet samt und sonders Historie, und was die Touristen angeht, so empfiehlt sich ein Rundgang während der Siesta. Unter Arkaden schlürft man den Kaffee oder wundert sich über Geschäfte mit Nippes und Marienkitsch aller Art.

Beim diesjährigen Rudolstadt-Festival  war mit Berrogüetto aus Santiago eine traditionell orientierte galicische Folkgruppe aufgetreten. Der Programmheftschreiber nannte zwar einige wenige galicische Namen, vergaß aber dabei die galicische Folk-Rock-Truppe überhaupt. Statt des gleichnamigen Stadtteils in Santiago ist hier mit dem altgalicischen Wort der Pilgerführer gemeint: Milladoiro: Castelum honesti ...

Speziell auf den Jakobsweg beruft sich eine Kassette, die damit die Abteilung "Santiago-Musik historisch" einleitet:
Ony Witars: Peregrinatio Wytariensis - Musik auf dem Weg der Jakobspilgerei nach Santiago ...

Von der ziemlich provinziellen Tageszeitung "La Voz Gallega" gibt es eigens eine Ausgabe im modernen Galicisch, aber gesprochen haben wir es nirgends gehört. Die Sprache ist dem Portugiesischen näher als am Castellano, und daher mag der nächste CD-Titel rühren, dessen Musik mit Portugal aber auch gar nichts zu tun hat: Sonus: Echoes of Spain. Galician-Portugguese Music of the Middle Ages ...

Bei der früheren Rezension der folgenden CD war mir der Zusammenhang zwischen Limoges und Santiago verschlossen geblieben. Jetzt ist mir klar: im Codex Calixtinus finden sich auch Lieder aus der Limoges-Schule. Das ist etwas für Liebhaber früher Mehrstimmigkeit:
Discantus: Campus Stellae- Saint-Martial de Limoges, Santiago de Compostela ...


Von einer 1958er LP wurde eine CD angefertigt, die ungeachtet der Vorzüge der bisher genannten als ultimate Einspielung gelten kann:
Russel Oberlin: Las cantigas de Santa Maria ...

Wir beenden unseren Aufenthalt in Santiago mit einem Sprung in in die Jetztzeit. Eine deutsche Folkrock-Gruppe mit Instrumenten von Bombarde, Gaita, Drehleier, Bouzouki usw. bis zu massiver Elektronik setzt sich u.a. mit den Cantigas und dem Libre Vermeil auseinander: Adaro: Stella splendens ...

Rückreise: Museumsbesuch in Paris
Wir fuhren schließlich zurück nach Santiago, wo wir zwei Tage später den Bus nach Paris nahmen, 23 Stunden Härtetest. In Paris trafen wir verabredungsgemäß unseren Freund Jean-Marie Miossec, der uns nicht zuletzt ins neue "Musee de la musique" führte, welches jetzt die Instrumentensammlung des Conservatoire beherbergt, die berühmte Paganini-Berlioz-Gitarre eingeschlossen.

Am Eingang erhält man nach Sprachen sortierte Kopfhörer, welche auf Funksignale der unterschiedlichen Vitrinen reagieren und neben Kommentaren auch jeweils passende Musik wiedergeben. In einem Forum saß ein junger Mann und spielte nonstop Theorbe und Colascione, leider ohne die Stücke anzukündigen, anderswo gab es bunt gemischte Klänge aus Instrumenten der frühen Elektronikzeit.

Das Museum liegt in einem parkartigen Gelände mit weiteren Ausstellungsgebäuden, die nicht zuletzt der Technik gewidmet sind. Ein Besuch lohnt sich allemal (Musée de la Musique, 221, av. Jean-Jaurès, 75019 Paris, Métro Porte de Pantin, Di-Sa 12-18, Fr bis 21.30, So 10-18).



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